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Projekt WEICHENSTELLUNG: Mentoring verhindert Ausbildungsabbrüche von Geflüchteten und Neuzugewanderten

Rund eine halbe Million junger Menschen beginnen hierzulande jedes Jahr eine Ausbildung. Viele von ihnen sind neu zugewandert. Für sie kommen – neben den üblichen Herausforderungen einer Ausbildung und der speziellen Zeit des Erwachsenwerdens – weitere Hürden dazu, zum Beispiel bedingt durch Fluchterfahrungen, Sprachbarrieren oder fehlende soziale Netze im fremden Land. Dadurch kommt es in dieser Gruppe häufiger zu Ausbildungsabbrüchen. Die wissenschaftliche Evaluation von WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf in Bayern zeigt nun, dass Mentoring erfolgreich und aktiv dazu beitragen kann, diese zu verhindern.

Am 3. Dezember 2020 startete in Nürnberg der dritte Jahrgang im Mentoring-Programm WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf, bei dem Studierende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) als Mentor:Innen geflüchtete und neuzugewanderte Auszubildende während der ersten beiden Jahre ihrer dualen Ausbildung begleiten. Für die Initiatoren und Projektbeteiligten ein Anlass, einen Blick auf den bisherigen Erfolg des Projekts zu werfen. Die Ergebnisse der abschließenden Evaluation des ersten Jahrgangs, durchgeführt von Projektleiter Florian Kirchhöfer (FAU), zeigen das große Potenzial: Ein Großteil (92 %) der befragten Auszubildenden – im Projekt Mentees genannt – nennt das Mentoring als Grund für bessere schulische Leistungen. Viele konnten auch betriebliche Probleme durch das Mentoring lösen (75 %) und fühlten sich durch die persönliche Beziehung zu ihrer Mentorin oder ihrem Mentor besser in Deutschland integriert (66 %). Von besonderer Bedeutung für die Zielsetzung des Projekts ist allerdings, dass etwas mehr als die Hälfte der Befragten (58 %) nach eigener Einschätzung die Ausbildung ohne die Unterstützung ihrer Mentorin bzw. ihres Mentors vorzeitig abgebrochen hätte.

„Die Evaluationsergebnisse zeigen, welch große Rolle die individuelle Unterstützung beim Ankommen in unserem Land und beim Übergang in die duale Ausbildung und während der Ausbildung spielen kann“, sagt Dr. Tatiana Matthiesen, Gesamtkoordinatorin des Mentoring-Programms WEICHENSTELLUNG der Hamburger ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

Prof. Dr. Michael Piazolo, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus, betont die Bedeutung von WEICHENSTELLUNG für die Integration neuzugewanderter junger Menschen: „Der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung und damit der gelungene Start ins Berufsleben sind zentrale Faktoren für die Integration junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Das Mentoring-Programm unterstützt neuzugewanderte Auszubildende dabei, ihre Ausbildung erfolgreich zu meistern. Zudem sammeln unsere angehenden Lehrkräfte wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Schülerinnen und Schülern der Berufsschule. Dadurch profitieren alle Beteiligten.“

Besondere Hürden in der Ausbildung für Geflüchtete

„Grundsätzlich stehen Geflüchtete im Betrieb und in der Berufsschule vor ähnlichen Herausforderungen wie die anderen Azubis auch, wie zum Beispiel fachliche Schwierigkeiten oder Probleme mit Vorgesetzten“, erläutert Prof. Dr. Karl Wilbers, pädagogischer Leiter des Projekts in Nürnberg. „Sie brechen die Ausbildung nicht häufiger ab, weil sie aus anderen Kulturen kommen, sondern weil sie aufgrund der Flucht Bedingungen ausgesetzt sind, die Abbrüche scheinbar begünstigen.“ Dazu gehören beispielsweise ein fehlendes soziales Netz, hoher emotionaler Stress, Kommunikationshürden im Betrieb sowie schwierige private Situationen. „Der Mehrwert des Mentorings liegt in solchen kritischen Momenten vor allem in der Unterstützung von Bewältigungsprozessen, die es den Auszubildenden erlauben, letztlich einen zielführenden Weg aus der problematischen Situation heraus zu finden“, so Florian Kirchhöfer. „In konkreten Fällen haben die Studierenden die Jugendlichen unter anderem auf ein klärendes Gespräch mit dem Vorgesetzten vorbereitet, durch sprachliche oder fachliche Förderung schulische Problemstellungen gelöst und emotionale Unterstützung, gerade auch im Privatbereich, angeboten.“

Diese zwischenmenschliche Komponente verdeutlicht ein Beispiel aus dem abschließenden Interview mit einem Mentee aus der ersten Kohorte, die das Mentoring im Dezember 2020 nach zwei Jahren beendet: „Ich wollte am Anfang, nach den ersten Wochen, meine Ausbildung abbrechen. Das war alles zu schwierig, auch wenn mir die Arbeit Spaß gemacht hat. Ich wollte das alles aufgeben. Ich hatte so viele Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, ich habe nichts verstanden in der Schule und hatte viel Angst nachzufragen. Das Mentoring hat mir geholfen, die Sprache zu lernen und vor allem mein Selbstvertrauen zu verbessern. Wir haben viel zusammen gelernt und ich konnte meiner Mentorin immer alles erzählen. Ich habe auch Freunde meiner Mentorin kennen gelernt und ganz normal mit ihnen geredet. Jetzt traue ich mich, Fragen zu stellen und komme im Unterricht besser mit“.

WEICHENSTELLUNG in der Corona-Pandemie

Neben der zentralen Zielsetzung von WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf in Bayern – dem Verhindern von vorzeitigen Vertragslösungen während der dualen Ausbildung – spielt derzeit natürlich auch der Umgang mit der Corona-Pandemie eine tragende Rolle im Mentoring. Bereits im Sommer 2020 war die Unterstützung der Mentees beim Umgang mit digitalen Schulunterlagen und anderen damit verbundenen Herausforderungen, beispielweise fehlender Zugang zu Hardware und schnellem Internet, ein wichtiges Thema der individuellen Förderung in den Mentoring-Tandems.

Für den neuen Jahrgang arbeitet WEICHENSTELLUNG in Nürnberg daher erstmals mit einem vollständig in die Projektorganisation integrierten hybriden Mentoring-Konzept. Dieses erlaubt den Tandems durch virtuelle Lerntagebücher und eine gemeinsame Dateiablage ihre Fördereinheiten zeit- und ortsunabhängig zu planen und durchzuführen. Auch jenseits des aktuellen Bedarfs aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen bewegt sich WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf in Bayern damit einen Schritt weiter in eine digitalisierte Zukunft. Insbesondere soll den Mentees mit diesen Maßnahmen auch eine niedrigschwellige und gut unterstützte Lernumgebung für den Umgang mit modernen Arbeits- und Kommunikationsmedien angeboten werden.

 

Über WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf in Bayern

WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf realisiert die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Bayern gemeinsam mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Das Projekt unterstützt neuzugewanderte Auszubildende dabei, die ersten beiden Ausbildungsjahre erfolgreich zu meistern und ihr Potenzial für eine Integration in den deutschen Arbeitsmarkt zu entfalten. Studierende der Wirtschaftspädagogik und anderer Lehrämter fördern die jungen Menschen individuell entsprechend ihrer Begabungen, unterstützten sie auf ihrem Lern- und Bildungsweg und bieten ihnen kulturelle und lebensweltliche Begleitung.